#2: Davis, CA 95616-95618: Keep your blog boring.

Während ich im Lounge-Wagen eines Amtrak-Zuges sitzend den Staat Oregon von Süden nach Norden durchquere und die schneebedeckte Berglandschaft an mir vorbeizieht – und ich alle dreißig Sekunden aufspringe wegen eines sich plötzlich bietenden Fotomotives, nur um mich dann frustriert mit einem verwackelten Zwei-Sekunden-zu-spät-Bild wieder zu setzen – komme ich dazu, einen weiteren Blogeintrag zu verfassen. Es ist Mitte Dezember, gestern vor drei Monaten habe ich zum ersten Mal Davis betreten – und seit drei Tagen ist das erste Quarter (Quasi-Trimester) dort vorbei.

Um nicht sofort in Kulturpessimismus über die Grausamkeiten des amerikanischen Lebens zu verfallen, als kleine Optimismusübung also ein Beitrag über meine neue Wahlheimat, eine Stadt, die sich als fahrradfreundlichste der USA vermarktet. Mit seinen ca. 65.000 Einwohnern (davon knapp die Hälfte studierend) liegt Davis im kalifornischen Central Valley, eine Viertelstunde von der Hauptstadt Sacramento entfernt, wo unser aller Arnie sich noch für einige Wochen in regierungsähnlichen Tätigkeiten üben wird, außerdem eine knappe Stunde vom berühmten Weinanbaugebiet Napa Valley, eine gute Stunde von der Pazifikküste, auch nur anderthalb bis zwei Stunden von San Francisco, ebensoweit vom Skiresort Lake Tahoe und rund drei Stunden vom Yosemite-Nationalpark. Nun könnte man meinen, dass Davis zwischen solchen Zentren kalifornischer Lebensart und all diesen fantastischen Landschaften ein ziemlich spektakulärer Studienort ist. Leider befindet es sich jedoch wörtlich zwischen all diesen Orten auf einem Streifen völlig platten Landes (im ganzen Stadtgebiet gibt es natürliche Höhenunterschiede von weniger als zwei Metern) umgeben von ebenso platten Feldern. Sobald man eine der Brücken betritt, die sich vor allem über den Interstate 80 erstrecken – eine der Lebensadern Amerikas, auf der man von San Francisco bis fast an die Ostküste reisen kann und die den südlichen Teil der Stadt, in dem ich momentan lebe, vom Rest trennt – kann man die Berge im Westen wie im Osten in der Ferne sehen. Ansonsten ist Davis sehr grün und wirkt alles in allem nicht halb so groß wie Einwohnerzahl und Stadtplan es vermuten lassen. Im Zentrum gibt es amerikanisches Kleinstadtflair im positiveren Sinne; eine recht aktive BürgerInnenschaft sorgt dafür, dass der Ort nicht zur völlig künstlichen Schlafstadt verkommt wie so viele andere. Darüber hinaus erstrecken sich viele Apartmentanlagen für Studierende und die unvermeidlichen ewigen und immergleichen Vorstadtsiedlungen von mehr oder weniger großzügigen Einfamilienhäusern.

Downtown Davis

Gleispanorama

Jenseits der Stadtgrenze

Plantagen im Umland

Die angebliche Fahrradfreundlichkeit ist nicht übertrieben – ein Netz von Radwegen, entlang der Straßen und auch separat mitten durch Wohnsiedlungen und über den ganzen Campus, macht das Fahrrad für die meisten Zwecke zum besten Verkehrsmittel. Durch einen von Studierenden betriebenen Busservice, inklusive ausrangierter Londoner Doppeldeckerflotte, verfügt Davis allerdings auch über ein Nahverkehrsnetz, das für US-Maßstab wirklich beeindruckend ist. Zweimal in der Woche ist Farmers Market in einem Park in der Innenstadt. Hier bieten lokale Lebensmittelproduzenten ihre Waren an; von Frühjahr bis Herbst wird dies als Fest mit Livemusik, Buden mit warmem Essen und gemeinsamem Picknick im Park zelebriert.

Farmers Market

Picknick im Stadtpark

Ein echter bimmelnder Eiswagen, wie in 1950er-Filmen

Überhaupt, Essen. Wenngleich Davis nicht Berkeley, Portland oder San Francisco ist, werden hier auch Menschen wie ich relativ gut versorgt. Es ist ja immer noch Kalifornien, und Veganismus ist hier schick. Einen wesentlichen Teil meines Lebensmittelbedarfs deckt die Davis Food Coop, eine tatsächlich im Besitz der Mitgliederschaft befindliche Kooperative, die bei manchen Produkten preislich nicht mit der Kettenkonkurrenz mithalten mag – aber diese in vielen Bereichen sogar unterbietet und dabei noch dafür sorgt, dass man sich nicht wie im Falle von Ketten wie Safeway zu 80% von Glukose-Fruktose-Sirup ernähren muss (den pumpen die hier in rauen Mengen in alles, was Menschen dann essen sollen – ist offenbar das Billigste, was noch irgendwie als Lebensmittel durchgeht, unter anderem dank der massiven Subventionen für Maisfarmer). Die Institution Food Coop an sich – sehr beliebt in der lokalen Bevölkerung – ist jedenfalls schon rührend genug in dieser gigantischen Wüste des Hochkapitalismus.

Treehuggers everywhere

Herbst in Davis

Der Campus ist der flächenmäßig größte aller Standorte der University of California; ich werde ihn in einem separaten Beitrag über die Uni näher beschreiben. Obwohl die halbe Stadt von Studierenden bevölkert ist, gibt es jedoch nicht viel entsprechendes Kulturangebot. Was entfernt damit zu tun haben mag, dass die meisten hier offenbar von morgens bis abends lernen, um kein Quarter länger als unbedingt nötig die horrenden Studiengebühren zahlen zu müssen. Am Wochenende reicht es dann gerade noch zu Saufgelagen mit schlechtem, wässrigem Bier, und dafür braucht es ja keine Studentenkneipen oder gar Cafés mit Poesieabenden oder all diese anderen Dinge, von denen nicht nur ich annahm, sie würden eine (zumal kalifornische) college town prägen. Überhaupt ist es mit Hippies, Ökos, sonstigen Alternativen und Paradiesvögeln oder auch “nur” einer Kulturszene nicht weit her – dazu müsste man dann doch nach Berkeley oder Santa Cruz. Davis versucht eher mit Familienfreundlichkeit zu punkten; eine halbernste Bürgerinitiative nennt sich “Keep Davis boring” – nicht ganz der kalifornische Traum. Das Nachtleben – vor allem von den Austauschstudierenden betrieben, die es überwiegend nicht ganz so eilig haben mit dem Studium wie die Einheimischen – findet dann auch eher in Privatwohnungen statt, wo es zumeist zwischen Mitternacht und ein Uhr morgens von gelangweilten Uniformierten aufgelöst wird.

Ein paar Hippies und so gibt es dann doch, aber sie fahren Neuwagen.

Ein Stück Alternativkultur! Das unabhängige Programmkino.

Amerikanische Reifeprüfung: Beer pong

Post-Party-Szene mit Sonnenblumen (wichtig)

Spion-Mottoparty, Mordszene

Selbst die Kirche beweist Halloweenhumor

Meine persönliche Wohnsituation war zunächst durchwachsen. Da ich nach einigen Tagen in Davis wieder zu einer Hochzeit abreisen würde, war ich zunächst in einiger Eile, eine Bleibe zu finden. Nach diversen Besichtigungen von Wohnungen, die entweder weit weg vom Campus, Sauställe oder reine Abzocke waren (in einem Fall hatte sich die Hauptmieterin im Wohnzimmer breitgemacht und verlangte von ihren potentiellen UntermieterInnen für die beiden Schlafräume dann jeweils die Hälfte dessen, was die Betreiber der Anlage für solche Wohnungen insgesamt berechnen – nur damit man dann ohne das eigentlich im Preis inbegriffene Wohnzimmer in einer überbelegten Wohnung residieren durfte), fand ich in letzter Minute etwas Günstiges (okay, ich durfte den kompletten September bezahlen, obwohl ich den größten Teil des Monats noch nicht mal von der Existenz des Hauses wusste) und der eine anwesende Mitbewohner erschien mir auch sehr nett. Es handelte sich um ein nicht mehr ganz taufrisches Haus mit vier Schlafräumen, zwei geräumigen Wohnzimmern und einem netten Garten mit Hängematte. Die 500 Dollar im Monat für etwa 9 m² waren fast ein Schnäppchen, und ich war dabei. Es folgte, nach meiner Rückkehr, das romantische Zusammensuchen von Mobiliar in den Thrift Stores – den Benefiz-Gebrauchtwarenläden – auf Garagenflohmärkten und in der vollgestellten Garage meines Hauses. Der Transport meines Schreibtisches zu Fuß durch die halbe Stadt war dabei ein besonderes Highlight – mein Dank an dieser Stelle gilt noch einmal Mareike, Tim und der freundlichen anonymen Dame, die uns für die letzten Blocks ihren Kofferraum zur Verfügung stellte, hinter dem wir dann die andere Hälfte des elenden Klotzes herschleppten.

Entspannung auf den Gleisen beim Möbeltransport

Erstes Haus, von vorne

Erstes Haus, Rückseite

Erstes Haus, Wohnzimmer

Erstes Haus, Küche (normalerweise nicht so sauber)

Erstes Haus, Hängematte

Erstes Zimmer

Die familienfreundliche Unistadt...

Ich blieb knapp sechs Wochen. Danach hatte ich genug von einer ziemlich ranzigen Küche, einem verschimmelten Badezimmer, das ich mir zumeist mit drei anderen teilte (der ehemalige Bewohner meines Zimmers hausierte die meiste Zeit über noch zusätzlich im Wohnzimmer), Mitbewohnern, die – abgesehen von dem oben genannten – kaum ein Wort mit mir wechselten und Wänden aus Pappe, die sowohl nachts die Kälte und das permanente Hupen der in etwa 100 Meter Entfernung vorbeifahrenden Züge als auch rund um die Uhr den Lärm meiner Mitbewohnerschaft praktisch ungedämpft durchließen. Besagter Lärm bestand erstens aus dem permanenten Geballer im Nebenraum, in dem ein Mitbewohner – der neben seinem Studium monatlich als Reservist der Küstenwache bezahlt wurde; eine Tatsache, die mich angesichts seiner Waffenversessenheit unwillkürlich ins Inland zieht – seiner Leidenschaft für ein bekanntes PC-Ballerspiel nachging, meistens bis spät in die Nacht und ohne die dafür üblichen Kopfhörer zu benutzen, zweitens aus regelmäßig mitten in der Nacht auf maximaler Lautstärke klingelnden Telefonen im anderen Nebenraum, in dem ein anderer seinem Nebenjob als Bereitschaftsmanager für eine Tomatenfabrik, Nachtschicht, nachging – und drittens aus den stundenlangen Würgegeräuschen von gegenüber, wo der dritte Mitbewohner die Kräutermischungen, die er rauchte, nie so ganz zu vertragen schien. (Er wurde einige Wochen vor meinem Auszug von Polizisten in Handschellen abgeführt, nachdem seine Mutter entschieden hatte, dass er angesichts seiner Unzuverlässigkeit bei der Medikamenteneinnahme – gemeint war wohl nicht das Gras – zur Gefahr für sich selbst geworden und in Gewahrsam besser aufgehoben war. Ich habe ihn nie wiedergesehen.)

Meine Wohnungssuche führte mich dann in ein nettes kleines Haus im Süden der Stadt, in dem ich seitdem mit zwei Studentinnen wohne – etwas weiter weg von Campus und Innenstadt, aber dafür zum gleichen Preis bei wesentlich höherem Niveau der Ausstattung und angenehmerer WG-Atmosphäre. Statt über Lärm echauffiere ich mich jetzt vorwiegend darüber, dass die beiden die Hälfte ihrer gekauften Lebensmittel wegschmeißen (frisch vom take-out ist ja auch leckerer) und trotz aller selbstbekundeten Energiesparanstrengungen permanent unsere Stromrechnung in fantastische Höhen schrauben (der angeschaltete Laptop im verlassenen Raum würde sich ohne Festbeleuchtung sicher einsam fühlen). Und das ist, so sehr es mich persönlich nervt, Jammern auf ziemlich hohem Niveau, wenn es um WGs geht. Ich vergaß noch die beiden Hunde zu erwähnen – Jordin und Jack haben zwar Mundgeruch und knabbern alles an, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist, aber sind dabei doch ziemlich putzige Kreaturen.

Zweites Haus

Zweites Haus, Rückseite

Zweites Zimmer

Zweites Haus, Küche

Zweites Haus, ulkige Architektur

Zweites Haus, Wohnzimmer

Zweites Haus, Baby Grand Piano

Jordin

Jack und Jordin sind extrem futtersüchtig

Wie man sich so eine amerikanische Einfamilienhaussiedlung vorstellt

Im Prinzip lässt es sich in Davis also gut leben (wäre da nicht diese Universität, die ein Drittel der besiedelten Fläche auszumachen scheint). Zumindest kommt man zu solchen Schlüssen, wenn man im November bei Sonnenuntergang im Freiluftpool seine Runden dreht und die Sonne hinter den Palmen – die hier zwar nicht die natürliche Vegetation dominieren, aber doch überleben, wenn sie erst einmal angepflanzt werden – untergeht. Das ist nicht halb so kitschig, wie es klingt, und kommt gewissen Kalifornien-Idealbildern relativ nahe. (Merkwürdig dennoch, wie sich Davis beim ganzen Studienstress oft eher wie ein unter einer großen Käseglocke isolierter Ort im Nichts anfühlt und man sich erst bewusst machen muss, dass man mitten im Land aller westlichen Träume seit mindestens 1848 residiert.) Und die spektakulären Reiseziele Kaliforniens sind nur einen Tages- oder Wochenendausflug entfernt. Nur zu tief einatmen sollte man nicht immer, denn das Tal ist bekannt für seine schlechte Luftqualität und Asthma hat sich hier zu einer Art Volkskrankheit entwickelt. Noch habe ich entsprechende Symptome an mir nicht feststellen können. Toi toi toi.

Abenddämmerung über dem Interstate 80

Dunkelheit legt sich über Davis

Abenddämmerung über dem I-80, Teil 2

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#1: Teil 2

Zu Teil 1 (den zuerst zu lesen macht Sinn!)

Phoenix, wir halten nur kurz bei Sonnenuntergang, unfassbare Hitze. Zelten in einem State Park, zum Frühstück geht’s schon auf die 40° C zu. Kakteen allerorten. Tucson, Zuflucht im Kunstmuseum (Gratis-Sonntag und Klimaanlage, gute Kombination). Motelpool: wichtig. Ausflug nach Tombstone. Ein Städtchen, das touristisch seit mindestens einem halben Jahrhundert von einer dreißigsekündigen Schießerei von Achtzehnhundertweißkohl zehrt, die hier auch brav jeden Tag nachgestellt wird. (Wenn es irgendwo um den “Wilden Westen” geht, sind meistens diese dreißig Sekunden an diesem Tag in diesem Kaff mit dieser Handvoll Knallköpfe gemeint. Manchmal ist es besser, Dinge nicht so genau zu wissen.) Herumgekurve auf der Suche nach Geisterstädten. Wir finden über ewige Schotterpiste immerhin Gleeson, wo zwar immer noch ein paar Leute wohnen, aber zerfallende Häuser und ein verlassener Friedhof im Abendlicht uns ausreichend belohnen.

Öffentliche Badestelle in Phoenix...

Unser aller Freund, der Saguaro

Tucson

Authentik in Tombstone

Geisterstadt Gleeson

Die Border Patrol nimmt ihren Job dann etwas zu genau, oder lässt sich von Tombstone inspirieren, oder ist gelangweilt oder einfach nur bescheuert. Wir haben unsere Reisepässe im Motel gelassen, nicht mit einem Vor-Grenzkontrollposten locker 50 Kilometer vor der mexikanischen Grenze gerechnet. Die Cops bekommen unsere Personalausweise (auf denen englische Übersetzungen durchaus vorhanden sind, aber diese Kärtchen sind Amerikanern – die ja keine Ausweispflicht kennen – grundsätzlich suspekt und werden meist für Fälschungen gehalten, mit denen man dann noch nicht mal ein Bier bekommt), wahrscheinlich ihr Aufreger des Tages. Was treibt ihr denn hier? Wo kommt ihr denn her? Von der Schotterpiste?! Fotos machen? Soso. Sicher, dass ihr keine Mexikaner eingesammelt habt? Mal im Kofferraum gucken. Keine Reisepässe, das bringt euch in Teufels Küche! Ich müsste euch eigentlich gleich mitnehmen. [Achtung, nach dem Aufplustern entweicht wie erwartet die heiße Luft:] Aber ihr scheint mir ja ehrlich zu sein – ich drück mal ein Auge zu. Macht das nicht noch mal! Suppenkasper. Ausflüge nach Mexiko lassen wir dann lieber.

Saguaro-Nationalpark – inmitten der Kakteen-Wunderwelt sehen wir das Unwetter heranziehen. Gila Bend, hoch zum Interstate 10 und weiter nach Westen. Unendliche Fahrt durchs gigantische Nichts. Hat der Westen seine Anziehungskraft verloren? Vor zwei Jahren hat mich so ein Panorama irgendwie noch glücklicher gemacht. Schlafen in Quartzsite, das im Winter zu einem gigantischen US-Wohnmobil-Rentner-Flüchtlingslager wird, wo sich also niemand an nachts herumstehenden Autos stört? Nein, doch kurz über die Grenze – die Brücke über den Colorado River nach Blythe. Kalifornien! Schlafen irgendwo abseits der Straße im Geröll. Beim Aufwachen nebenan lauter merkwürdige kleine Behälter. Castorzwischenlager?

Saguaro-Nationalpark

Im ewigen Nichts des Interstate 10

Castor?

Colorado River, hier die Grenze zwischen Kalifornien und Arizona

Zurück nach Arizona und zum Lake Havasu. Die gleichnamige Stadt ist fürchterlich, wahrscheinlich mit einem Altersdurchschnitt von 69 Jahren und einem Bingoclub je fünfzig Einwohner. Keine Ahnung, ob es einen einzigen gebürtigen Lake Havasuianer gibt. Senil muss auch die Person gewesen sein, die in den Sechzigern entschieden hat, die London Bridge von der Stadt London zu kaufen, im Original Stein für Stein hier in die Wüste schleppen zu lassen, damit das seichte Wasser zu einer künstlichen Insel in diesem Stausee zu überbrücken und drumherum noch eine jämmerliche Imitation eines englischen Städtchens zu errichten. Zum Baden ist der See aber ganz nett, wenn man den Lärm der gewaltigen Motorbootflotte ausblendet. Auf einem Parkplatz setze ich den Wagen noch gegen einen gelben Pfeiler, praktischerweise genau an der Stelle, an der er einige Tage zuvor angefahren wurde. Im Endeffekt ist nur die Farbmischung etwas kontrastreicher geworden und die Phantomdellen existieren nun tatsächlich. Wie gut, dass wir genau diesen Schaden schon haben protokollieren lassen…

Im Rentnerparadies Lake Havasu City

Route 66

Dann ein mir noch unbekanntes Stück Route 66 durch Oatman. Elende Kurverei, dafür: handzahme Esel auf der Straße. Ein Pub voller Dollarscheine. Ein bisschen Geisterstadt. Dann der wohl letzte Taco-Bell-Besuch meines Lebens (dreimal Fleisch ist doch etwas viel für eine vegane Bestellung). Gut, auf die schwarze Liste der extrem bösen Fastfoodketten gehören die ohnehin. Wem in den USA mal ein Haustier entläuft, muss wahrscheinlich damit rechnen, es einige Tage später auf dem Tablett bei T… B… vorgesetzt zu bekommen. Und das nun auch noch unabhängig davon, ob man eigentlich Fleisch bestellt hatte.

Oatman, Arizona

Auf dem Weg ins Death Valley hinter dem Hoover-Damm die Frage, wo man eigentlich schlafen will. Über das vom Auto aus geliehene Funknetzwerk einer bekannten Kaffeekette die interessante Erkenntnis, dass die mit Abstand günstigsten Unterkünfte der gesamten Region auf dem Las Vegas Strip liegen. Da es noch einige Wochen bis zu Mareikes 21. Geburtstag sind, hatten wir Vegas gar nicht auf der Rechnung. Wir kommen im Circus Circus unter, wo die Übernachtung abzüglich der diversen Gutscheine für Nachos, Drinks usw. quasi umsonst ist – man kann nur ahnen, über welch gewaltige Überkapazitäten diese Stadt verfügt. Die erste Nacht in Vegas ein Rausch – günstige Getränke, wir schreiten auf dem Strip voran und verjubeln unsere schmalen Einsätze mit Bedacht in einem halben Dutzend Kasinos. Morgens dann die Entscheidung, den letzten unverplanten Tag noch in Vegas dranzuhängen. Warum nicht eine Nummer größer? Ich wollte schon immer mal in diese Pyramide, sie kostet auch nur ein paar Dollar mehr – also ziehen wir ins Luxor. Diese Gier wird natürlich bestraft: Zimmer im untersten Stockwerk mit Ausblick auf ein paar Mülltonnen, die Vegas-Magie verfliegt, schlägt um, Streit über Kleinigkeiten, die Pyramide ist von innen ohnehin öde und die Poollandschaft sehe ich letztlich nie in Badehose. Die Parallelen zu meinem ersten Vegas-Besuch 2008 sind bemerkenswert. Lektion für die Zukunft: Bleibe niemals länger als eine Nacht. Die zweite wird ein Desaster.

Hoover-Damm

Vegas

Die Luxor-Pyramide - leider unsere Unterkunft für eine Nacht

Der Strip, südlicher Teil

Eines der letztlich austauschbaren Kasinos auf dem Strip

Bellagio

Dante's View

Zabriskie Point

Mit immer noch gedämpfter Stimmung geht es ins Tal des Todes. Diesmal auch zu Dante’s View: ein Ausblick, den das menschliche Gehirn wahrscheinlich gar nicht richtig verarbeiten kann. Zielloses Herumwandern unterhalb des Zabriskie Point (wir hatten einige Monate vorher den gleichnamigen Film gesehen; mit freier Liebe war es hier aber nicht weit her, jenseits des Aussichtspunkts war natürlich kein Mensch). Badwater, der ausgetrocknete Salzsee und tiefste Punkt Nordamerikas, 85 Meter unter dem Meeresspiegel. Das Death Valley fasziniert mich nach wie vor. Leider sind wir nicht die Einzigen: Wo zwei Jahre zuvor nur vereinzelt ein Auto anzutreffen war, fahren jetzt regelrechte Wagenkolonnen, obwohl die US-Ferien mittlerweile vorbei sind. Der Campingplatz westlich des Tals, auf dem mein Freund Mathias und ich uns 2008 noch völlig ungestört zum Schlafen unter freiem Himmel auf die herumstehenden Picknicktische verteilen konnten, ist völlig überfüllt. Wir halten abseits der Straße noch weiter westlich zum Schlafen. Ein Roboter, der des Nachts im Zickzack die Straße entlangfährt, entpuppt sich als Radfahrer, der auf dem Gipfel noch auf seine Begleitung wartet. Der hat Nerven. Area 51 ist nah, da kommt man schon mal auf abwegigere Gründe für merkwürdige Lichtbewegungen als gelangweilte Extremsportler. Der Sternenhimmel ist nach wie vor überwältigend und zur Feier des Tages entdecke ich nach drei Jahren Benutzung den Langzeitbelichtungsmodus meiner Kamera. Für Milchstraßendokumentation reicht es nicht ganz. Im Morgengrauen hält der Schulbus nebenan. Eine Schulklasse verteilt sich hier vermutlich über mehrere Zehntausend Quadratkilometer – zumindest werden die mit ihren Hausaufgaben wohl problemlos im Bus fertig.

Zabriskie Point, die Zweite

Badwater

Devil's Golf Course

Rechtzeitiges Tanken ist immer eine gute Idee.

Nach der Fahrt durchs westliche Nebental – immer noch ein Erlebnis – Frühstück am Schluchtrand, so muss das Leben auf der Straße sein (tja, im Englischen wird hier so schön sensibel zwischen “on the road”, einem Abenteurer- und Vagabundenleben und “on the street”, urbaner Obdachlosigkeit, unterschieden). Ich kann es dann nicht lassen, noch mal bei den Überresten des Originalbaumes von U2s “The Joshua Tree”-Rückcover vorbeizuschauen, wo der Kult langsam unheimliche Ausmaße annimmt, und lasse mich auf der Suche nach der Stelle von denselben fiesen Tricks des Wüstenpanoramas täuschen wie beim letzten Mal. (Sehr zu ihrer Freude findet Mareike letztlich den Baum. Seitdem hält sie Mathias und mich irgendwie für Nerds, dabei hätte sie mich mal zwei Jahre vorher erleben sollen…)

Nur noch vier Stunden bis zur ersten Stunde...

Vom Death Valley aus gen Westen

Die wahrscheinlich meistbesuchte Baumleiche der Welt

Ich war drin.

Dann geht es steil nach Norden, wieder mit einem kurzen Halt an den Mammoth Lakes, an denen ich heroisch in den eiskalten Bergsee springe (und gleich wieder heraus, macht euch nichts vor). In Ermangelung einer besseren Schlafstätte halten wir irgendwo am Straßenrand nahe South Lake Tahoe. Die letzte Nacht im Auto ist natürlich eine kalte. Morgens finden wir in der Stadt zwar keinerlei Zugang zum Wasser – Lake Tahoe ist als Ferienziel dermaßen populär, dass Millionäre offenbar fast die gesamte Küstenlinie aufgekauft und mit Protzvillen zugestellt haben – aber sehen zumindest einige Bären beim Durchforsten privater Garagen und Mülltonnen. Auf dem Weg nach Westen, in den Bergen, erhaschen wir wenigstens einen Seeblick aus der Ferne und verleihen unserem Frust in Form von antikapitalistischen Botschaften auf der Leitplanke kreativen Ausdruck (mehr zum Thema Reichtum, Armut und Kapitalismus kommt sicher in einem späteren Eintrag hier). Die Stätten des Goldrausches von 1848 wirken irgendwie nicht besonders attraktiv und unsere Neugier wächst, darum fahren wir, das sich uns in den Weg stellende Sacramento ignorierend, direkt durch zu unserem Wohnort fürs kommende Jahr: Davis. Es ist der zwölfte September und wir leben noch. Selbst das Auto ist nicht ganz tot.

South Lake Tahoe: "Finde den Seeblick"

Guten Morgen.

Seitlicher Seeblick...

Wenn das kein Argument für die Revolution ist...

Kein Kommentar.

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#1: Von Phantommexikanern im Kofferraum und Phantomdellen in der Karosserie (Teil 1)

Ich möchte es kurz machen. Nein, wirklich, sonst werde ich ja nie fertig, ich bin ja schon drei Monate hintendran. Darum erwähne ich auch die Hinreise am 24. August gar nicht, die mit Umstiegen in Zürich und Washington und satter Verspätung ewig dauert, weil ich bei der Buchung irgendwann den Überblick verloren und nicht gemerkt habe, dass eine andere Option mit bequemem Direktflug von Hamburg aus und deutlich früherer Ankunft nur noch ein paar Euro teurer gewesen wäre – das würde mich ja ohnehin nur blöd aussehen lassen – und beginne direkt in:

New York. Beim ersten Mal (2007) eine nette Touristenetappe, jetzt: Liebe auf den zweiten Blick. In der letzten Ecke der Upper West Side spürt man noch, in welcher Stadt man sich befindet (meistens riecht man es leider auch). Drei Tage sind natürlich viel zu wenig. Midtown. Ellis Island (im Paket mit der Freiheitsstatue die abzockfreiste Touristenattraktion der Staaten). Central Park. Abenddämmerung auf dem Empire State Building; alles beim zweiten Mal genau so spannend wie beim ersten. MOMA (ich wusste gar nicht, dass ich mich für Kunst interessiere). Die einzigen Weißen in Harlem. Hipsters und Nerds in Williamsburg, Brooklyn (ein Stück Berlin-Friedrichshain/Kreuzberg/Prenzlauer Berg in den Staaten). Das Phänomen Brooklyn Bridge. Ich will hier mal leben, zumindest für ein halbes Jahr. Besser nicht länger. Und weiter, weiter, weiter.

Kunst

Was könnte man hier denn mal bauen? Spontan: Moschee?

Williamsburg, wo die Hipsters leben

Denver. Welche Hitze, verglichen mit 2008. “Such die Rockies” bei jedem Blick die Straße entlang. Ginsberg, Kerouac, Cassady, natürlich. Baden am Zusammenfluss von Cherry Creek und South Platte River. Nirgendwo ist der Himmel so vielversprechend wie an der Millennium Bridge. Es kann losgehen, obwohl Mareike von ihrer Ragweed-Allergie fast erschlagen wird.

Kunst, Denver-Version

Millennium Bridge

Cherry Creek & South Platte River

Schlafen im Mietwagen auf einem Kirchenparkplatz im Wald. Zähneputzen und Wifi-Schnorren bei Safeway (oder Walmart? Es war groß und hatte mindestens je zwölf Tonnen Glukose-Fruktose-Sirup und Glutamat in den Regalen). Pikes Peak – diesmal mit Auto “bestiegen” – ist in dichten Nebel gehüllt, Sicht geht gegen Null, Sturm und Eiseskälte am Gipfel (von wo aus ich zwei Jahre vorher die halbe amerikanische Prärie sehen konnte). Wunder auf dem Weg nach unten: Die Sicht klart auf, aber immer nur für Sekunden – Wolken jagen über die Felsen und geben nur widerwillig den wahnsinnigen Ausblick auf das östliche Ende der Rockies frei. Wir kämpfen uns durch den Sturm.

Indoktriniert jetzt noch effizienter.

Pikes Peak: An dieser Stelle sah ich zwei Jahre zuvor halb Amerika

Dieses und das vorherige Bild entstanden innerhalb einer Minute...

Great Sand Dunes – wir sind abends zu spät dran, dafür ein Zeltplatz mit Dünenblick. Ich schaffe es in einer Art Slapstickeinlage den Autoschlüssel im Kofferraum einzuschließen. 911, Parkwächter haben endlich was zu tun: Brechen den Wagen legal und spurlos auf. Sehr professionell, Katastrophe abgewendet (drei Tage in der Wüste auf Alamo-Personal warten, Gepäck inkl. Medikamenten im Auto, und geschätzte tausend Dollar blechen?). Dünenwanderungen sind immer noch wie Mondwanderungen.

Weiter Richtung Moab, Perle in der Wüste. Arches-Nationalpark, den ich beim ersten Utah-Besuch nicht gesehen habe. Klettertour gegen die Zeit (das kostbare Tageslicht – warum ist es so knapp ausgerechnet im Südwesten, wo man so drauf angewiesen ist?) zum Delicate Arch. Echsenopfer auf dem Rückweg. Dead Horse Point: Manchmal sollte man es beim Kalender-Panoramafoto belassen.

Arches-Nationalpark

Finde den Kletterer

Landscape Arch

Delicate Arch - man beachte den Menschen als Größenreferenz.

Canyonlands, die Erste

Canyonlands: Island in the Sky

Autodachtanzeinlagen zu “Two Princes” in der Wüste. Spontane Kursänderung: Wir haben genug rote Felsen gesehen, abgesehen vom Grand Canyon. Schlafen inmitten einer Indianersiedlung in Nordarizona, Navajo Nation. Aufwachen umzingelt von Geländewagen mit misstrauischen Einheimischen – was dürfen die hier so? Schnell weg. Leichte Meinungsverschiedenheiten in Tuba City (wer benennt auch eine Stadt so?). Navajo Nation sieht immer noch mehr nach Dritter Welt als nach USA aus. Grand Canyon: Endlich mit richtiger Sicht. Majestisch. Doch wir bleiben nur kurz.

Dead Horse Point

Needles Overlook

Morgengrauen in Navajo Nation

Wichtig: Bahnromantik.

Tristesse in Tuba City

Grand Canyon

Flagstaff, das ist da, wo diejenigen Arizonans leben, für die nicht unbedingt jeder Mexikaner erschossen gehört. Wir schaffen es zum Lowell-Observatorium (noch so ein Traum von mir), doch Sternegucken fällt aus: Wolken. Unser Auto finden wir mit reichlich Farbverzierung an einer Ecke auf dem Motelparkplatz vor. Fahrerflucht. Handygespräche mit der Autovermietung (die mich am Ende über vierzig Euro kosten sollen; ich stehe seitdem auf Kriegsfuß mit meiner ehemaligen (…) Handyfirma). Ein schwerbewaffneter Cop schiebt sein Mittagessen auf, um den Schaden zu protokollieren (und “schenkt” uns auf dem Papier einige Dellen, die noch wichtig werden sollen).

Übersichtlichkeit in Flagstaff

Flagstaff

Teil 2: Phoenix bis Davis

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